Ana Maria Crnogorčević: Die Rekordspielerin aus Thun

  08.06.2023 Sport-Reportagen

Sie fährt gerne auf schnellen Motorrädern durch das Berner Oberland und möchte dereinst Polizistin werden. Nicht Bussenzettel unter die Scheibenwischer klemmen, sondern Kriminalkommissarin will sie werden, schwierige Fälle lösen.

«Es kann sein, dass ich nach meiner Fussballer-Karriere nach Thun zurückkehre und in den Polizeidienst eintrete. Auch hier, wie auf dem Rasen, schwierige Fälle zu lösen, würde mich schon reizen», sagt die Spielerin, die im A-Nationalteam der Frauen sämtliche Rekorde gebrochen hat.

Doch vorerst bleibt dafür keine Zeit. Soeben hat sie mit dem FC Barcelona gegen den VfL Wolfsburg zum dritten Mal in ihrer Karriere die Champions League gewonnen und im Juli fliegt sie nach Neuseeland, wo sie in den Gruppenspielen an der WM gegen die Philippinen. Norwegen und Neuseeland die Gruppenphase überstehen will.
Im Sommer 2009 zog die Steffisburgerin, gerade 18 geworden, weg von Mutters Herd. Sie flog 921 Kilometer nordwärts, von Rot-Schwarz Thun zum Hamburger SV in die Bundesliga. Seither ist viel Wasser durch den Thunersee geflossen und im Leben der Rekordtorschützin des Frauen-Nationalteams fast ebenso viel geschehen.

Vom HSV ging’s weiter zum VfL Wolfsburg, sie gewann die Champions League und nach einem Wechsel in die USA zum Portland Thorns FC spielt sie für das beste Frauenteam der Welt, den FC Barcelona.

Der heimliche Beginn in Steffisburg

Am Beginn ihrer Karriere hatte Ana Maria Crnogor ˇcevi´c Hindernisse zu überspringen. Vater Jasenko hatte keine Freude, dass Klein-Ana Maria, die im Quartier lieber mit Knaben als mit Mädchen herumtollte, Fussball spielte. So versuchte sie sich im Tennis, in der Leichtathletik und im Karate, doch ihre wahre Liebe galt dem Fussball. Also unterstützte sie ihre Mutter Vesna. Sie kaufte ihrer Tochter ein Paar Fussballschuhe, meldete sie, hinter dem Rücken von Vater Jasenko, im FC Steffisburg an – dies war der Start zur grössten Karriere einer Fussballerin in der Schweiz.

Die kroatischen Wurzeln

Kako si? Wer Ana Maria in Kroatisch fragt, wie es ihr gehe, kommt spontan ein vrlo dobro – sehr gut – als Antwort. Sitzt sie zuhause am Tisch ihrer Eltern, wird Kroatisch gesprochen, auch wenn Crnogorce eigentlich Montenegro – schwarzer Berg – heisst, die Familienmitglieder sind Kroaten und nicht Montenegriner. Und wenn Ana Maria ein kroatischer Ausdruck einmal nicht spontan in den Sinn kommt, äussert sie sich im breitesten «Bärndütsch». Im Gegensatz zu vielen jungen Leuten spricht sie nicht den Schulhausplatz-Slang, sondern ein waschechtes «Bärndütsch» mit einem leichten Oberländer-Einschlag.

Zapisnicar – Goalgetter
Ana Maria Crnogor ˇcevi´c ist eine echte Goalgetterin, eine Zapisniˇcar. Schade, dass die ehemalige Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg sie in 43 Länderspielen als Aussenverteidigerin einsetzte, sonst wäre ihre durchschnittliche Torquote von 0,48 noch deutlich höher. An der WM hofft die Schweiz auf weitere Tore von Ana Maria Crnogor ˇcevi´c, denn keine trifft so oft und jubelt so schön wie die Thunerin.

Pierre Benoit


Ana Maria Crnogorčević

Nationalität: Schweiz/Kroatien
Geboren: 3. Oktober 1990 in Steffisburg
Bisherige Vereine: FC Steffisburg, FC Rot-Schwarz Thun, FC Thun, Hamburger SV, VfL Wolfsburg, FFC Frankfurt, Portland Thorns, FC Barcelona.
Position: Stürmerin, Aussenverteidigerin.
Erfolge: Torschützenkönigin der NLA 2009, Cupsiegerin 2009, DFB-Pokalsiegerin 2014, Champions-League-Siegerin 2015, 2021 und 2023, Spanische Meisterin und Cupsiegerin 2020 und 2021. 145 Länderspiele/70 Tore.

 


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