Simon Lengen ist der Harry Kane des Berner Oberlands

  25.06.2026 Sport-Reportagen

Der ehemalige Nationalspieler Mauro Lustrinelli hat den FC Thun zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte geführt. Deshalb standen die Oberländer bis weit über die Landesgrenzen hinaus monatelang im Fokus – auch die internationale Presse meldete sich in der Stockhorn Arena und hielt die Kommunikationsabteilung auf Trab. Im Schatten des Fanionteams sorgte auch die von Daniel Gygax, einem anderen ehemaligen Internationalen gecoachte U21 des FC Thun in der 2. Liga interregional, für positive Schlagzeilen, beendete die Meisterschaft auf Rang 2 und und kehrt in die 1. Liga classic zurück.

Logisch deshalb, dass die vom Trainer geforderten und geförderten jungen Spieler die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Allen voran Simon Lengen, der 19-jährige Stürmer des Nachwuchsteams. «Simon weiss, wo das Tor steht», sagt Gygax, auf die Torgefährlichkeit seines erfolgreichsten Torschützen angesprochen. Für den Vollblutstürmer war der Saisonbeginn keineswegs einfach. In den ersten beiden Begegnungen wurde er wegen einer in der Vorbereitung erlittenen Verletzung nicht eingesetzt, in den folgenden drei Partien nur in der Schlussphase eingewechselt und erst im sechsten Match in Düdingen stand er erstmals in der Startformation und schoss auch gleich sein erstes Tor. Dieser Match kam einer Art Befreiung gleich, seither stand er stets in der Startformation und erzielte Tor um Tor. Seit der Winterpause blieb er in 14 Partien nur einmal ohne persönlichen Treffer, dreimal schoss er drei und sechsmal zwei Tore, was ein Total von 30 ergibt. Dies bedeutet, dass Lengen bei 1739 Einsatzminuten durchschnittlich pro knapp 58 Minuten ein Tor erzielte. 70 Vereine spielen in der 2. Liga interregional, in der Torschützenliste sämtlicher fünf Gruppen steht Simon Lengen klar an der Spitze. «Seit dem sechsten Spiel setzte Trainer Gygax auf mich und half mir, mich weiterzuentwickeln. Der Titel Torschützenkönig ist zwar schön, doch ohne die Unterstützung meiner Mitspieler wäre dies nicht möglich gewesen. Fussball ist und bleibt ein Teamsport», sagt Simon Lengen, der nach Meisterschaftsschluss seinen ersten Profivertrag beim FC Thun für zwei Jahre mit einer Option für weitere zwei Saisons unterschrieben hat. Viel verdankt Lengen auch Jürg Frey, dem Leiter Nachwuchs des FC Thun. «Als bei YB der direkte Sprung von der U17 in die U19 zu gross war und mir empfohlen wurde, ein Zwischenjahr im Team Freiburg zu machen, ermöglichte mir Frey, bei Thun direkt in die U19 einzusteigen. Für mich war das ein sehr wichtiger Schritt.» Gleichzeitig absolvierte Lengen eine KV-Lehre bei Blaser Café in Bern und zuletzt arbeitete er zu 50 Prozent im Gesundheitszentrum Circles. «Diesen Arbeitgebern bin ich sehr dankbar, denn ohne ihre Unterstützung wären die vielen Abwesenheiten nicht möglich gewesen.»

Ronaldo nicht Kane
Der Vergleich mit Harry Kane, dem englischen Goalgetter des FC Bayern, drängt sich geradezu auf. Kane erzielte – zugegebenermassen in einer anderen Liga – in 31 Spielen und 2382 Einsatzminuten 36 Tore, 66 Minuten vergingen jeweils, bis der nächste Torjubel folgte.
Das Vorbild des 19-jährigen Vollblutstürmers ist jedoch nicht Kane, sondern Cristiano Ronaldo. «Ich bewundere seine Einstellung, die Art und Weise wie er noch mit 41 Jahren seinen Ehrgeiz und seine Torgefährlichkeit nicht eingebüsst hat», sagt Simon Lengen, dessen Talent schon als kleiner Junge erkannt wurde. «Weil ich mit meinem Bruder zusammenspielen wollte, waren meine Mitspieler immer drei Jahre älter als ich, es galt schon früh, mich gegen körperlich stärkere Gegner durchzusetzen», blickt er in seine Jugendzeit zurück. Klar, dass wir vom 30-fachen Torschützen auch wissen wollen, wie sein Geheimnis des Toreschiessens aussieht, denn die Entwicklung seit Saisonbeginn ist durchaus bemerkenswert. Die ersten zwei Begegnungen verfolgte er aufgrund einer in der Saison-Vorbereitung eingefangenen Verletzung noch von der Ersatzbank aus, in den folgenden drei Partien wurde er kurz vor Schluss eingewechselt und just bei seinem Debut in der Startformation war er in Düdingen bereits Torschütze. Seither stand Lengen in jedem Match von Anfang an auf dem Platz und startete nach der Winterpause so richtig durch. 14 Spiele, 24 Tore, nur einmal blieb er ohne Treffer. «Ein Geheimnis gibt es nicht. Ich versuche vor dem Tor locker und frei zu bleiben, mich möglichst lange hinter dem Gegenspieler zu verstecken und mit einer Gegenbewegung und einem Sprint im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein», sagt Lengen. Auf die Bemerkung, er habe in einer einzigen Saison mehr Tore erzielt, als sein Vater während seiner ganzen Karriere, entlocken wir dem Aufsteiger der Saison ein herzliches Lachen. «Er spielte auch auf einer anderen Position und in einer anderen Liga, wo es schwieriger war, Tore zu schiessen.»

Die nächste Saison
Nachdem der FC Thun am Tag nach dem Aufstieg der U21 die Katze aus dem Sack gelassen hat und offiziell bekannt wurde, dass Lengen einen Vertrag bei den Profis erhält, wird die Sommerpause für den Aufsteiger kurz. Das Fanionteam hat die Saisonvorbereitung bereits begonnen, Lengens Auszeit dürfte so recht kurz ausfallen.

Pierre Benoit


Simon Lengen wurde am 4. September 2006 in Bern geboren. Er begann seine fussballerische Karriere beim FC Gurmels und beim SC Thörishaus und wechselte dann zum BSC Young Boys, wo er ab der U10 bis in die U17 in allen Nachwuchsteams spielte. 2023 zog er zum FC Thun in die U19, seit Beginn dieser Saison spielte er in der U21. In der 2. Liga interregional ist er bei insgesamt 70 Teams der beste Torschütze mit 30 Toren und 13 Assists. Ab nächster Saison im Kader der 1. Mannschaft. Sein Bruder Nicolas spielt beim FC Wyler in der 2. Liga regional. Vater Martin Lengen war für YB, Sion und Luzern in der Nationalliga A aktiv und Mitglied der U21-Nationalmannschaft.


Daniel Gygax verlässt den FC Thun
Der 35-fache Internationale Daniel Gygax, der mit der U21-Mannschaft des FC Thun die Rückkehr in die 1. Liga classic geschafft hat, verlässt den FC Thun. Der erfolgreiche Coach wird in der Super League Assistenztrainer des Fanionteams des FC Luzern, für das er zwischen 2010 und 2014 als Spieler tätig war.


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