«Wir wollen frechen Fussball spielen»
30.07.2026 Sport-ReportagenAm Ende der vergangenen Saison mussten die Frauen des FC Thun in den sauren Apfel beissen und sich aus der AXA Women’s Super League verabschieden. Zweimal konnte die Relegation in der Abstiegspoule verhindert werden, beim dritten Versuch den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, klappte es nicht mehr.
So nehmen die Thunerinnen nun mit dem im Lauf der Saison zum Team gestossenen Cheftrainer Emil Inauen den Anlauf, sofort wieder in die oberste Spielklasse zurückzukehren. Dem schweizerisch-norwegischen Doppelbürger gefällt es in Thun gut – er ist angekommen, in der Region und im Team. «Der FC Thun ist ein Verein, der hält, was er verspricht. Thun ist authentisch und das beginnt im Kopf, bei der Führung.» Der das sagt, ist weitgereist, hat schon viel gesehen, nicht nur im Fussball: Emil Inauen, seit Anfang Jahr Coach der Thuner Frauen. Im Gespräch wird deutlich: Er schätzt die Kultur, die im FC gepflegt wird. «Ich suche die Nähe, kann täglich mit allen Trainern sprechen, man tauscht sich aus, trifft sich im Gang oder beim Mittagessen, ein ehrliches Netzwerk ist sinnvoll.» Spricht man mit Inauen über die Ziele für die kommende Saison, nennt er nicht als erstes den Wiederaufstieg. «Die Spielerinnen müssen hinter dem Ziel stehen, die wir uns stecken. Es ist wichtig, dass wir eine Identifikation entwickeln, und eine Kultur haben mit Spielerinnen aus der Region. Ich bin kein Feuerwehr-, sondern ein Entwicklungstrainer, lege Wert auf ein gutes Verhältnis, stets fordernd, aber alles in einem guten Ton.»
Wer will den Aufwand tragen?
In seinen offenen Gesprächen mit den Spielerinnen stellte er unter anderem auch die Frage, wer den Aufwand tragen will, wer viereinhalb Trainings pro Woche zu absolvieren bereit und den Schritt in Richtung Halbprofitum zu machen gewillt ist. «Das ist ein grosser Schritt. Für den Verein, mit dem grösseren Aufwand auch in finanzieller Hinsicht und ebenso für die Spielerinnen, die Beruf und Sport in Einklang bringen müssen». Inauen ist ein fordernder Trainer, aber einer, der stets das Gespräch mit den Spielerinnen sucht. «Ich versuche aufzuzeigen, welchen Weg wir gehen, frage, welche Ziele die Frauen erreichen wollen, für sich persönlich, aber auch für den Klub. Ich bin ein Relationstrainer, der sich immer fragt, wie bringe ich die Spielerinnen am weitesten.»
Dominant sein mit viel Energie
Interessant ist auch zu hören, welchen Spielstil der Coach anstrebt. «Ich lasse Angriffsfussball spielen, bevorzuge flach vor hoch und kurz vor lang, mit klarem Zug in die Vertikalräume. Ich fordere einen intensiven Fussball mit der Absicht: Es muss ‹chlepfe u tätsche›», sagt Inauen.
Crnogorcevic und Inauen
Ein Auge hat man in Thun selbstverständlich auch immer auf ehemalige Thunerinnen, die möglicherweise schon bald das rote Dress überstreifen könnten, allen voran die Rekordspielerin und Rekordtorschützin des Schweizer Nationalteams, Ana-Maria Crnogorcevic, die in 182 Länderspielen 75 Tore erzielt und Thun einst zum Cupsieg geschossen hat. Ihre Karriere neigt sich dem Ende entgegen. Wie lange sie noch in ihrem neuen Klub Strassburg und im Nationalteam spielen wird, steht in den Sternen. Und da gibt es auch noch die Tochter von Trainer Inauen, Naina, die derzeit beim norwegischen Topteam Valerenga Oslo spielt und auf dem Sprung in die englische Premier League ist, aber möglicherweise in ein paar Jahren ihrem Vater folgen könnte.
Frauenfussball-Tag
Bereits im Vorfeld des ersten Heimspiels am Sonntag, 9. August, 13 Uhr, herrscht im Visana Stadion Hochbetrieb. Im Mittelpunkt stehen die Nachwuchsspielerinnen. Gemeinsam mit dem FVBJ findet ein Girls-Turnier statt mit dem Ziel, den Frauenfussball in der Region weiter zu stärken.
Pierre Benoit
Emil Inauen wurde am 21. März 1972 in Appenzell geboren.
Er spielte für den FC Appenzell, FC St. Gallen und SC Brühl St. Gallen.
Während seiner Trainerlaufbahn zeichnete er beim norwegischen Erstligisten Tromsø IL für das Frauenteam verantwortlich, wo er 2023/24 den Playoff-Final erreichte. Zudem war er neben anderen Trainerstationen bei den Frauen U21 des Rosenborg BK als Cheftrainer engagiert. Darüber hinaus war Inauen über 20 Jahre in verschiedenen Rollen im sportlichen Bereich tätig, darunter auch in einer Fussballakademie. Vor seinem Wechsel zum FC Thun coachte er das U19-Nationalteam von Liechtenstein und war Assistent im A-Team. Seit 1. Januar 2026 betreut er die FC-Thun-Frauen. Sein Vertrag läuft bis Sommer 2027. Tochter Naina steht im erweiterten Kader des Schweizer Nationalteams. Sein in Norwegen leidenschaftlich betriebenes Steckenpferd, Schlittenhunde zu züchten und Rennen zu bestreiten, gab Inauen vorerst auf.
U21 mit neuem Trainer eine Liga höher
Cheftrainer Daniel Gygax, der mit der U21 des FC Thun den Aufstieg in die 1. Liga classic schaffte, hat das Oberland in Richtung Innerschweiz verlassen und amtet künftig als Assistenztrainer beim FC Luzern. Sein Nachfolger heisst Thomas Paul, der gemeinsam mit seinen Assistenten Julien Roth und Roman Demarmels das Amt des U21-Cheftrainers übernimmt.
Paul war in den Achtzigerjahren Ersatzgoalie beim FC Basel und kam auch im Fanionteam zum Einsatz. Einige Jahre war er Trainer in der Nachwuchsabteilung des FC Basel und bringt Erfahrung als Ausbilder und Trainer auf diversen Nachwuchsstufen sowie im Aktivbereich mit. Auch bei den Old Boys und dem FC Laufen wirkte er als Trainer.
Mit Roth unterstützt ihn ein beim FC Thun bekanntes Gesicht: seit Ende Januar übt er die Funktion als Leiter Ausbildung beim Nachwuchs aus. «Es freut uns, dass wir mit Thomas Paul eine erfahrene Persönlichkeit für unsere U21 gewinnen konnten. Mit seinem Fokus für die Förderung junger Fussballer ist er für unser Trainerteam optimal», sagt Nachwuchsleiter Jürg Frey.
Ohne Ilic und Lengen
In der Mannschaft gibt es zwei gewichtige Abgänge. Rekordtorschütze Simon Lengen, in der vergangenen Saison mit 30 Treffern Torschützenkönig der gesamten 2. Liga interregional, hat im Kader des Fanionteams Aufnahme gefunden und auch Adam Ilic, der bereits in der vergangenen Saison zum erweiterten Kreis der 1. Mannschaft gehörte, hat den Sprung definitiv geschafft. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass beide Spieler, falls sie in der Super League nicht genügend Einsatzminuten erhalten, hin und wieder das U21-Team verstärken.
Thun wird in der 1. Liga classic die mit Abstand jüngste Mannschaft stellen. Es wird interessant sein, zu verfolgen, wie sich das Team eine Liga höher schlagen wird. Zum Saisonauftakt empfängt Thun am übernächsten Samstag um 17 Uhr im Visana Stadion den FC Langenthal zum Kantonsrivalenderby.
Pierre Benoit




