Dominic Strickers Neuanfang und Stan Wawrinkas Abschiedstour

  09.07.2026 Sport-Reportagen

Das älteste Schweizer Tennisturnier mit seiner mehr als 110-jährigen Geschichte ist in diesem Jahr für zwei Schweizer Spieler ein ganz besonderer Anlass. Hier zelebriert der dreifache Grand Slam-Sieger Stan Wawrinka seinen letzten Auftritt im Berner Oberland, dort startet der Grosshöchstetter Dominic Stricker nach seinem kometenhaften Aufstieg im Jahr 2023 nach vielen Verletzungen und dem Rückfall von ATP-Rang 88 auf Platz 348 einen Neuanfang.

«Wimbledon der Alpen» nannte vor einigen Jahrzehnten der ehemalige «Bund»-Redaktor André Widmer den Anlass, wo sich in den Glanzzeiten des Turniers die weltbesten Tennisspieler duellierten. Dieser Begriff ist auch heute noch immer wieder zu hören und lesen. Inzwischen hat das Turnier auch aufgrund der grösser werdenden Konkurrenz auf der ATP-Tour zwar an Bedeutung verloren, doch der Charme und die Attraktivität des Events sind gleich geblieben. Auch in diesem Jahr haben die Organisatoren ein attraktives Teilnehmerfeld zusammengestellt. Neben dem Norweger Casper Ruud und dem Italiener Matteo Berrettini, die beide bereits zweimal die Siegestrophäe in Empfang nehmen durften, kommen mit Vorjahressieger Alexander Bublik aus Kasachstan, Lorenzo Sonego (It) und Stefanos Tsitsipas (Grie) weitere bekannte Namen in den Ort, wo sich die Prominenz trifft.

Die lange Tradition
Das 1915 auf Initiative des Hotels Palace ins Leben gerufene und auf dessen Sandplätzen durchgeführte Turnier erlebte nach dem Umzug ins Dorf und der Einführung der ATP-Tour einen veritablen Höhenflug. Rekordsieger – nach ihm ist der Center Court benannt – ist der Australier Roy Emerson mit fünf Triumphen – hinter ihm folgen die spanischen Sandspezialisten Sergi Bruguera und Alex Corretja, die das Turnier je dreimal gewannen. Rod Laver, John Newcombe, Ilie Nˇastase, Ken Rosewall, Stefan Edberg, Fabio Fognini und Guillermo Vilas heissen weitere prominente Gstaad-Sieger, auch Boris Becker trat hier an.

Federer und Günthardt
Der erste Schweizer, dem es gelang, in Gstaad zu triumphieren, war der spätere Steffi-Graf-Coach Heinz Günthardt im Jahr 1980. Für Schlagzeilen sorgte sechs Jahre später Roland Stadler, der als Qualifikant bis in den Final vorstiess und nach heroischem Fünfsatz-Kampf Stefan Edberg, der späteren ATP-Nummer 1, unterlag.
Nach seinem ersten Wimbledon-Sieg 2003 reiste Federer direkt ins Saanenland. Als Willkommensgeschenk überreichten ihm die Organisatoren auf dem Center Court eine Kuh namens Juliette, er erreichte den Final. Für die fettesten Schlagzeilen sorgte der «Maestro» ein Jahr später. Erneut kam er als Wimbledon-Sieger, gewann das Turnier und löste nicht nur im Saanenland einen wahren Begeisterungssturm aus.
Stan Wawrinka, seines Zeichens dreifacher Grand Slam-Sieger, kam 2003 erstmals mit einer Wild Card nach Gstaad und gab hier seinen Einstand auf der Profitour. Zwei Jahre später unterlag er in seinem ersten ATP-Final dem Argentinier Gaston Gaudio. Jetzt, bei seiner 14. und letzten Teilnahme, organisieren die Veranstalter für «Stan the Man» am Sonntag vor Beginn des Hauptturniers eine monumentale Abschiedsfeier mit einem exklusiven Open-Air-Konzert des Musikers Bastian Baker mitten im Turnierdorf. Ende Jahr steigt in der Palexpo-Halle in Genf nochmals ein grosses Abschiedsfest, an dem auch Roger Federer dabei sein wird.

Gelingt Stricker ein «Comeback»?
Die Hoffnung bei den Schweizer Tennisfans war gross, dass Swiss Tennis in der Person Dominic Strickers einen neuen Teamleader gefunden habe. Als sich Roger Federers glanzvolle Karriere vor vier Jahren nach 20 Grand Slam-Titeln und 1526 Spielen auf der ATP-Tour dem Ende zuneigte, dachten viele, Stricker könne eine Lücke schliessen. Er hatte soeben das Grand Slam-Turnier der Junioren in Roland Garros und auch das Doppel gewonnen, ein neuer Stern am Schweizer Tennis-Himmel war aufgegangen. Die hohe Erwartungshaltung schien sich zu erfüllen. Captain Severin Lüthi nominierte den Mann aus Grosshöchstetten für den Davis Cup, Stricker war auch hier erfolgreich. Beim US Open folgte der nächste Karriereschritt mit dem Sieg über die damalige Weltnummer 7, Stefanos Tsitsipas. Erst der Achtelfinal gegen den als Nummer 9 gesetzten Amerikaner Taylor Fritz bedeutete Endstadion. Die Medien – nicht allein in der Schweiz – hielten sich mit Lobeshymnen und Komplimenten nicht zurück, ein neuer Star schien geboren zu sein. Noch im gleichen Jahr tauchte Stricker erstmals in den Top 100 auf, der Vormarsch des Linkshänders, der die Rückhand schon beinahe so perfekt schlug wie Stan Wawrinka, schien nicht aufzuhalten zu sein. Doch dann wendete sich das Blatt. Immer wieder stoppten Verletzungen das Vorrücken in der Weltrangliste. Einmal war es der Rücken, dann das Knie, längere Verletzungspausen und der Rückfall bis auf Rang 380 waren die Folge der immer wieder neu auftauchenden Blessuren. Heute grüsst Stricker von ATP-Rang 348.

Wieder Vertrauen in den Körper
«Die Vorfreude auf das Turnier in Gstaad ist riesig. Ich habe das Jahr mit dem beiden Siegen an Future-Turnieren in Saint-Dizier (Fr) und Trimbach gut begonnen. Spielerisch bin ich zwar noch nicht so weit, wie ich sein sollte, doch zum Glück bisher von Verletzungen verschont geblieben», sagt Stricker, der in Gstaad zweimal die Doppel-Konkurrenz gewonnen hat, 2021 mit Marc-Andrea Hüsler und 2023 an der Seite des dreifachen Grand Slam-Gewinners Stan Wawrinka. Beim Turnier in Klosters konnte sich Stricker im Juni bereits an die Höhenlage gewöhnen, in Gstaad reiste er eine Woche vor Turnierbeginn an, denn hier fliegen die Bälle schneller, weshalb die Spieler eine gewisse Angewöhnungszeit benötigen. Die Tatsache, dass er in diesem Jahr bisher von Verletzungen verschont blieb, bedeutet einen Segen. «Es hilft mir, dass ich wieder Vertrauen in meinen Körper gewonnen habe», sagt Stricker, der seinen Rücken immer wieder bei Fabian Seiler in Bern pflegen lässt.

Kindlmann und Laaksonen sind weg

Stricker hat auch in seinem Umfeld in den letzten Monaten einiges verändert und professionalisiert. Von Coach Dieter Kindlmann hat er sich getrennt, auch dessen Nachfolger Henri Laaksonen, der ehemalige Top-100-Spieler und Mannschaftskollege Strickers im Davis Cup, betreut ihn nicht mehr. «Ich bin gegenwärtig ohne Coach unterwegs, Trainer von Swiss Tennis unterstützen mich und auch mit Davis Cup-Captain Severin Lüthi habe ich mich unterhalten, wie es weitergehen soll». Trainiert wird derzeit vor allem in Biel, im Leistungszentrum von Swiss Tennis, oder im Tennisclub Dählhölzli.
Bei Tennisspielern, die sich ausserhalb der Top 100 bewegen, sind auch die Finanzen ein Dauerthema. Das fehlende Preisgeld ist der Grund, dass Stricker ohne eigenen Physiotherapeuten unterwegs ist. «Zum Glück werde ich von meinen Sponsoren unterstützt, denn allein mit den Preisgeldern käme ich nicht über die Runden».
Strickers Weg zurück an die erweitere Weltspitze ist in der Tat steinig, dornenvoll und hart. Der Vormarsch ist vorerst gestoppt worden. Wie heisst es doch so schön? Von der Stirne heiss rinnen muss der Schweiss. Das wird auch bei Stricker auf dem Weg zurück nicht anders sein.

Pierre Benoit


Dominic Stricker wurde am 16. August 2002 in Münsingen geboren. Er gewann 2020 im Einzel und Doppel das Junioren-Grand Slam-Turnier von Roland Garros. 2021 verbesserte er sich in der Weltrangliste um 922 Ränge und stiess im ATP-Ranking bis auf Platz 88 vor. Bei den Next Gen ATP-Finals, wo die acht besten der unter 21-Jährigen teilnehmen, erreichte er zweimal (2022/23) den Halbfinal. Am US Open stiess er 2023 bis in die Achtelfinals vor. In Gstaad gewann er zweimal die Doppelkonkurrenz (mit Marc-Andrea Hüsler und Stan Wawrinka). Fünf Siege an Challenger-Turnieren. Derzeit liegt er im ATP-Ranking auf Platz 343.


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