Ein Verlust für die Stadt Thun – ein Gewinn für den Kanton Bern
12.03.2026 ReportagenEnde Jahr tritt Raphael Lanz nach 16 Jahren als Stadtpräsident der Stadt Thun zurück. Im Gespräch mit dem Thuner Amtsanzeiger zeigt sich der SVP-Politiker wie immer. In seinen Antworten ist er präzis, ehrlich, glaubwürdig und sympathisch. Es ist kein Zufall, dass seine lange Amtszeit in der schönen Stadt am Tor zum Berner Oberland eine einzige Erfolgsgeschichte ist. Er ist kein Blender, schätzt seine Erfolge und ihren Wert realistisch ein und stellt sich nie in den Mittelpunkt. Nun aber ist die lange Zeit an der Spitze der Thuner Regierung bald vorbei. Lanz will Regierungsrat werden – für den Kanton Bern wäre seine Wahl ein Gewinn.
Dass der Rücktritt genau jetzt erfolgt, mag für viele überraschend sein. Doch Lanz ist intelligent genug zu wissen, dass ein Rücktritt auf dem Höhepunkt besser ist, als in ein paar Jahren als Sesselkleber bezeichnet zu werden und zu riskieren, dass die Thunerinnen und Thuner seinen Abgang herbeisehnen. Wie er auf seine Zeit als «Stapi» zurückblickt und welche Ziele er im Regierungsrat umsetzen möchte, verrät Raphael Lanz im folgenden Interview.
Sie haben den Entscheid gefällt, ihr Amt als Thuner Stadtpräsident niederzulegen. Ihre 16 Jahre waren von Erfolg begleitet. Warum sind Sie überzeugt, dass Sie den richtigen Zeitpunkt für Ihren Rücktritt gewählt haben?
Ich bin überzeugt, dass der Zeitpunkt genau richtig ist. Ich bin immer noch hoch motiviert und möchte vor meinem Abgang noch vieles erledigen. Ich will nicht, dass meine Begeisterung nachlässt und die Leute darauf warten, dass ich endlich gehe.
Thun befindet sich in einer wahren Blütezeit. Die Stadt will 2030 Kulturhauptstadt der Schweiz werden und spricht für die Werbekampagne einen Kredit von 7,1 Millionen Franken. In Ihre Amtszeit fallen beispielsweise die Realisierung des Schlossberg-Parkhauses, die Verabschiedung der Ortsplanungsrevision (OPR), diverse Arealentwicklungen (Freistatt, Siegenthalergut), die Weiterentwicklung der Wirtschaftsförderung und des Stadtmarketings sowie die Zunahme der Steuerkraft und eine Steuersenkung. Sportlich war Thun nie besser aufgestellt als jetzt. Man kann nicht behaupten, dass Sie das sinkende Schiff verlassen – im Gegenteil.
Viele Projekte befinden sich in der Umsetzungsphase und ich freue mich, wenn die künftige Generation diese umsetzen kann. Thun ist sowohl Sport- wie auch Kulturstadt, daher passt der Titel Kulturhauptstadt gut zu uns. Thun hat viele Grossanlässe wie die Women’s EURO, den Ironman und viel anderes durchgeführt und in Thun werden in nächster Zeit auch zahlreiche imagefördernde Veranstaltungen mit grosser Ausstrahlung stattfinden, beispielsweise das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest im Jahr 2028.
Sie sind Grossrat und hätten gute Aussichten, im nächsten Jahr den Sprung in den Nationalrat zu schaffen. Weshalb wollen Sie Regierungsrat werden?
Ich denke, dass aufgrund meines Werdegangs, meiner Kompetenzen und Führungserfahrung ein Exekutivamt besser zu mir passt und ich meine Talente in dieser Funktion noch besser zur Geltung bringen kann. Dies bedeutet aber nicht, dass mir mein Amt als Grossrat nicht gefällt.
Gehen wir davon aus, dass Sie gewählt werden. Welche politischen Schwerpunkte wollen Sie im Regierungsrat setzen?
Der Kanton Bern besitzt grossartige Voraussetzungen, bessere, als er selbst zu glauben denkt. Bern ist der grösste Industrie- und Landwirtschaftskanton, hat sehr innovative KMU, Spitzenforschung und einen blühenden Tourismus und dennoch bleibt viel zu tun. Verfahren müssen schneller werden, bürokratische Hindernisse sollen abgebaut werden und steuerlich müssen wir wettbewerbsfähiger werden, damit Unternehmen und Private nicht abwandern. Was in Thun gelungen ist, sollte auch kantonal möglich sein.
Auf den Kanton warten grosse Herausforderungen: Steuersenkung, Bau neuer Atomkraftwerke, Verkehrslösungen mit dem Autobahn-Ausbau Wankdorf, Verhindern von Eskalationen bei Demonstrationen wie der unbewilligten Pro-Palästina-Demo, Attraktivität des Kantons als Wirtschaftsstandort steigern. Wo sehen sie dringenden Handlungsbedarf?
Sie erwähnen wichtige, sehr emotionale Themen. Priorität hat für mich der Ausbau der Wasserkraft – wir müssen die bernische Energiewirtschaft stärken. Wenn sich bei der Kernenergie eine sinnvolle Entwicklung ergibt, bin ich offen. Für Demonstrationen, die in Gewalt ausarten, habe ich kein Verständnis. Dass die Verkehrsinfrastruktur den heutigen Bedürfnissen angepasst werden muss, ist für mich klar, den Autobahn-Ausbau im Raum Wankdorf zur Verbesserung des Verkehrsflusses sehe ich positiv.
Zurück in die Stadt Thun. In ihre Amtszeit fällt der Bau des Schlossberg-Parkhauses und der Stockhorn Arena, die Steuern wurden gesenkt, Thun hat als Tourismus-Standort einen beachtlichen Schritt vorwärts gemacht und Sie haben sich auch für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung eingesetzt. Wo man sich umhört, wird Ihr Name immer in positivem Sinne erwähnt, was vor allem für die politisch linke Seite aussergewöhnlich ist. Und trotzdem wollen Sie neue Herausforderungen annehmen?
Sie haben Recht, grosse Projekte sind nicht gescheitert, auch weil die Thuner Bevölkerung hinter uns steht und wir bei Abstimmungen stets eine Volksmehrheit erreichten.
Die Frauen-EURO machte Werbung für Thun, der Schweizerische Fussballverband verlegt seinen Sitz nach Thun, das Eidgenössische Schwingund Älplerfest wird 2028 in Thun stattfinden, der FC wird schon bald den ersten Meistertitel der 128-jährigen Vereinsgeschichte feiern und auch Wacker, der EHC und der UHC sorgen für positive Schlagzeilen. Auf ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger kommen rosige Zeiten zu.
Die Region Thun ist gut positioniert, es stehen schöne Anlässe bevor. Ich freue mich, dass es dem FC Thun derart gut läuft. Zwölf Spiele in Folge ohne Niederlage mit elf Siegen sind eine beeindruckende Serie. Bemerkenswert ist, dass niemand im Verein abhebt. Weder die Klubleitung noch das Team und der Staff, alle bleiben ruhig.
Haben Sie schon geplant, wie und wo die Stadt Meisterfeierlichkeiten für den FC Thun durchführen wird?
In dieser Beziehung bin ich etwas abergläubisch. Wie sagt man so schön: Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist. Die Aufstiegsfeier fand auf dem symbolträchtigen Rathausplatz statt, doch die Frage ist, ob dort die Kapazität für eine Meisterfeier ausreichend ist, denn auch das Problem der Sicherheit muss eingehend geprüft werden. Wenn es so weit ist, werden wir sicher eine passende Lösung finden.
Sind Sie dann als Stadtpräsident und Regierungsrat dabei?
Als Stadtpräsident bin ich sicher noch im Amt. Alles weitere werden wir sehen. Ich freue mich ganz einfach über die Erfolge des FC und die Art und Weise, wie die Mannschaft spielt.
Haben Sie sich schon überlegt, wie die Zukunft aussieht, falls Sie unerwarteterweise nicht gewählt werden sollten? Nein, darüber habe ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht.
Pierre Benoit
Raphael Lanz wurde am 27. Juni 1968 in Thun geboren. Er war von 2010 – 2017 Mitglied des Thuner Stadtrats. Seit 2014 sitzt er als SVP-Vertreter im Grossen Rat des Kantons. Seit 2011 ist er Stadtpräsident von Thun. Er stellt sich nicht zur Wiederwahl. Lanz kandidiert bei den am 29. März stattfindenden Wahlen als Regierungsrat. Er lebt in Thun, ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.


