Können die FC Thun Frauen den Kopf aus der Schlinge ziehen?
22.01.2026 Sport-ReportagenDie Ausgangslage ist vor Beginn der Rückrunde am übernächsten Wochenende auswärts beim FC Luzern wenig verheissungsvoll. Mit nur einem Punkt aus zwölf Spielen belegen die FC Thun Frauen in der AXA Women’s Super League den letzten Platz und droht erneut der Fall in die Auf-/Abstiegsrunde. Mit einer neuen Sportdirektorin und einem neuen Cheftrainer kehren die Thunerinnen nun in die Meisterschaft zurück. Marisa Wunderlin und Emil Inauen sollen spätestens in der alles entscheidenden Meisterschaftsphase den Ligaerhalt bewerkstelligen.
Im Gespräch mit dem Thuner Amtsanzeiger äussert sich Marisa Wunderlin ebenso zur aktuellen Situation als auch zur Zukunft der Frauen des FC Thun. Sie ist zuversichtlich und voller Tatendrang.
Die Nachricht, dass Sie als neue Sportdirektorin bei den Frauen des FC Thun einsteigen, kam überraschend. Wir gehen davon aus, dass Ihnen die Tabellensituation bekannt ist. Thun liegt mit nur einem Punkt aus zwölf Spielen und 9:35 Toren am Tabellenende. Warum wollen Sie sich das antun?
Entscheidend für meinen Entscheid war nicht die Tabellensituation. In Thun ist ein Klub und sind Menschen am Werk, die im Frauenfussball etwas bewegen und anpacken wollen. Ein Klub, der bereit ist, auch gewisse Investitionen bereitzustellen, dies im Wissen, dass kleinere Brötchen gebacken werden als in den meisten anderen Klubs. Ich denke, dass ich mit meiner Erfahrung mithelfen kann, wie man die gesteckten Ziele erreichen kann.
Unter der Leitung von Roland Getzmann haben die Thuner Frauen in den beiden letzten Jahren auf souveräne Art und Weise in der Abstiegsrunde den Klassenerhalt geschafft. Denken Sie, dass dies erneut möglich sein wird?
In der momentanen Situation müssen wir davon ausgehen, dass wir nicht um das Bestreiten der Auf-/Abstiegsrunde herumkommen. Sollten wir den Ligaerhalt schon vorher schaffen, würden wir uns sehr freuen. Eine Auf-/Abstiegsrunde wird nicht einfach sein, weil voraussichtlich mit Yverdon Sport FC ein Nationalliga-B-Team dabei sein wird, das viel Qualität aufweist und ausgezeichnete Strukturen hat. Doch ich habe festgestellt, dass das Engagement bei unseren Spielerinnen, im Staff und im ganzen Klub grossartig ist, was mich zuversichtlich stimmt.
Welches sind Ihre Aufgaben in dieser neu geschaffenen Stelle als Sportdirektorin?
In meinem 50-Prozent-Pensum liegt der Schwerpunkt auf der strategischen Entwicklung. Bis wir eine Sportchefin oder einen Sportchef gefunden haben, bin ich quasi ad interim zusammen mit Headcoach Emil Inauen auch für den Sport verantwortlich, das betrifft beispielsweise die aktuelle Kaderplanung. Daneben liegt mein Fokus wie erwähnt im strategischen Bereich. Welche Synergien können wir innerhalb des Vereins nutzen? Wo besteht noch Potenzial bei der Integration im Gesamtclub, die wohlgemerkt erst wenige Monate her ist. Wie können wir die Gesamtmarke FC Thun Frauen stärken, Sichtbarkeit für Frauen im Sport verbessern und auch Verkauf und Vermarktung punktuell frauenspezifischer anpassen? Wir müssen Schritt für Schritt vorangehen, die Trainingsbedingungen verbessern und vieles mehr, um dereinst irgendwann in Richtung Halbprofitum gehen zu können, damit die Spielerinnen ihr Ar- beitspensum reduzieren können und mehr Erholungszeit erhalten.
Wird man Sie bei den Trainings auch auf dem Platz sehen?
Auf dem Platz werde ich keine Rolle spielen, ich werde aber sicher hin und wieder reinschauen. Wir haben ein wunderbares Trio, das über viel Fachwissen verfügt, da braucht es mich nicht. Der Headcoach Emil Inauen und seine Assistentin sind charismatisch und kennen den Frauenfussball bestens. Mónica Mendes war 58-fache Nationalspielerin von Portugal, Captain bei Servette und ist seit langem im Trainergeschäft tätig und auch Goalietrainer Erich Pfäffli hat viel Erfahrung, die er den Torhüterinnen weitergeben kann.
Neben Béatrice von Siebenthal und Nora Häuptle sind Sie in der Schweiz die einzige Frau, die das höchste Trainerdiplom, die Uefa-Pro-Lizenz, besitzt. Gab es in der Ausbildung und bei den Prüfungen Unterschiede, waren die Anforderungen nicht die gleichen?
Das war insbesondere in den letzten zwei Lizenzen nie ein Problem, im Gegenteil. Man wird von den Kursteilnehmern unterstützt. Bis und mit B-plus-Diplom war das anders und habe ich mich oft gefragt, weshalb ich mir das antue, aber das war notwendig, damit ich meine Leidenschaft leben konnte. So oder so: Kursinhalte und Austrittskompetenzen waren und sind genau die gleichen, egal ob Frau oder Mann und ob man im Frauen- oder Männerfussball arbeitet.
Sie waren bei den St. Gallen Frauen Nachfolgerin von Marco Zwyssig. Unter Ihrer Führung hat sich das Team stabilisiert und Fortschritte erzielt. Denken Sie, dass Ähnliches auch in Thun möglich sein wird?
Davon bin ich fest überzeugt. Es braucht viel Energie und viele Leute, die am gleichen Strick ziehen. Ich denke, der FC Thun ist ein Verein, von dem man sich in der Schweiz bewusst ist, dass hier ehrliche Arbeit geleistet wird. Die Spielerinnen sollen von Thun zukünftig wissen, dass man sich hier als Spielerin weiterentwickeln kann und auch als Mensch gesehen wird. Dies alles aufzubauen, ist unser Ziel und ich bin sicher, dass wir dann hin und wieder auch einem Grossen ein Bein stellen können. Ob es uns gelingt, dies schon in den kommenden Monaten zu schaffen, wird die Zeit zeigen.
Sie wirkten während der Frauen-EURO als kompetente Expertin. Wird man Sie bei SRF neben Ihrem Engagement bei den Frauen des FC Thun weiterhin im Einsatz sehen?
Ich bin in Thun Teilzeitangestellte und werde weiterhin in verschiedenen Regionen in der Trainerinnen-Ausbildung tätig, weil ich überzeugt bin, dass dies für die Zukunft des Frauenfussballs wichtig ist. Daneben halte ich auch Workshops und Referate zu Führungs- und Kulturthemen. Mein Engagement beim SRF beschränkte sich auf die Frauen-EURO. Mal sehen, was die Zukunft bringt.
Pierre Benoit
Marisa Wunderlin wurde am 16. August 1987 geboren. Sie spielte während sieben Jahren in der obersten Spielklasse, darunter auch ein Jahr bei den Frauen von Rot-Schwarz Thun. Als Trainerin war sie unter anderem Cheftrainerin bei den YB Frauen (2016–19), Assistenztrainerin des Frauen-Nationalteams (2019–22) und Cheftrainerin des FC St. Gallen (2021–25). Seit 2026 Sportdirektorin der FC Thun Frauen.


