1921 bis 2021 – 100 Jahre wohnen, arbeiten und begegnen in der Stiftung Uetendorfberg

Do., 06. Mai. 2021

Als Taubstummenheim gegründet, bietet die Arbeits- und Wohngemeinschaft in Uetendorf heute fast 100 Menschen die Basis für einen gelingenden Alltag. Der erste Teil der Serie im Thuner Amtsanzeiger gibt Einblick in die Geschichte der Institution.

Bei einem Besuch auf dem Uetendorfberg fällt in der Institution die familiäre Atmosphäre auf – trotz sichtbaren Corona-Schutzmassnahmen. Im Gespräch berichtet der Institutionsleiter Markus Brönnimann aus den Anfangsjahren: «Eugen Sutermeister – nach einer Hirnhautentzündung selber gehörlos – war in seiner Funktion als Gehörlosenprediger mit der sozialen Not von gehörlosen Menschen konfrontiert. Dieser Umstand liess in ihm eine Vision entstehen: die Gründung eines Heims für notleidende Gehörlose. Im Jahr 1907 wurde ein «Taubstummenheim-Fonds» geschaffen und Geld für den Kauf einer Liegenschaft gesammelt. 13 Jahre später konnte die neu gegründete Stiftung das konkursite «Kurhaus und Pension Alpenblick» auf dem Uetendorfberg in Uetendorf erwerben. Finanziert wurde der Kauf aus dem Fonds und mit einer grossen Hypothek. Am 16. Mai 1921 startete der Betrieb mit zehn Bewohnern. Ohne öffentliche Gelder war jedoch der finanzielle Spielraum sehr eng.

Der Landwirtschaftsbetrieb und die Gärtnerei erreichten eine Selbstversorgungsquote von nahezu 60 Prozent. Die Schaffung der «Heimindustrie» mit Schuhmacherei, Näherei und Korberei sorgte für weitere Arbeitsplätze und leistete einen Beitrag zur Linderung der schwierigen finanziellen Situation. Dank ersten öffentlichen Unterstützungsgeldern entspannte sie sich ab 1948 zunehmend. Im Jahr 1957 konnte aufgrund gewachsener Heimgemeinschaft das baufällige Sommerkurhaus durch einen Neubau mit 48 Plätzen ersetzt werden. Im Jahr 1973 erfolgte der Bau eines Werkstattgebäudes und im Jahr 1983 konnte ein zusätzlicher Wohntrakt bezogen werden.»

Im Jubiläumsjahr 2021 leben und arbeiten in der Stiftung Uetendorfberg fast 100 Frauen und Männer mit Beeinträchtigungen. Davon sind rund die Hälfte von einer Hörbeeinträchtigung betroffen. Die Gebärdensprache ist wichtiger Teil im Alltag auf dem Uetendorfberg und wird mit Kursen gefördert. «Denn wo Kommunikation gelingt, gelingt auch der Alltag», ist Brönnimann überzeugt.

Gelebtes Miteinander
«Wir leben unseren Alltag zusammen, mit Achtung voreinander und auf gleicher Augenhöhe», erklärt Markus Brönnimann ein wichtiges Anliegen der Institution. Dies äussert sich zum Beispiel als Bewusstsein des Personals, welches bei den Bewohnenden auf einen möglichst hohen Grad an Selbstbestimmung achtgibt. Zusammen werden in den Wohn- und Arbeitsbereichen Ziele gesteckt.

Für den Institutionsleiter ist es immer wieder beeindruckend, wie Menschen mit Beeinträchtigungen miteinander oder mit neuen Situationen umgehen. Dabei fügt er schmunzelnd hinzu: «Obwohl wir auf dem Uetendorfberg dem Himmel ein Stück näher sind, gibt es auch bei uns spannungsgeladene, nicht nur himmlische Situationen.» Jedoch werde etwa sofort nachgefragt, wenn jemand beim Mittagessen nicht anwesend sei oder Personen im Rollstuhl würden ohne Auftrag unterstützt. Dieses selbstverständliche, achtungsvolle Miteinander scheint ihm ausserhalb der Lebensgemeinschaft Uetendorfberg immer mehr abhanden zu kommen.

Die Einschränkungen in Bezug auf die Corona-Massnahmen sorgen stets für Gesprächsstoff: «Wenn ich bedenke, dass die Massnahmen hier nicht ‹nur› den Arbeitsplatz, sondern auch das Zuhause betreffen, bin ich einmal mehr über die grundsätzlich positive Haltung unserer Bewohnenden beeindruckt.» Doch haben sie zusammen auch schon diskutiert, wie sie das Virus in eine Rakete packen und auf den Mond schiessen könnten.

Ressourcenorientierte Angebote
Ziel der Lebensgemeinschaft ist es, ressourcenorientierte Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten in einem familiären Umfeld anzubieten. Alle Wohn- und Arbeitsangebote sind durchlässig. Das heisst, sie verfügen über individuelle Möglichkeiten, den Bewohnenden entsprechende Wohngruppen zur Verfügung zu stellen – oder sie mittels Wohncoachings auch an externen Standorten zu unterstützen.

Die Arbeitsangebote stammen aus der Hotellerie, Gärtnerei, Landwirtschaft, Schreinerei, Mechanik oder Montage – sie schaffen Tagesstruktur und können auch sehr anspruchsvolle Arbeiten beinhalten. Die enge Zusammenarbeit mit vielen Firmen aus der Umgebung, aber auch der interne Bedarf von verschiedenen Dienstleistungen, trägt zu einer vielfältigen Arbeitspalette bei. So werden beispielsweise Produkte aus dem Landwirtschaftsbetrieb und der Gärtnerei vom Küchenteam liebevoll und sorgfältig zu kreativen Gerichten weiterverarbeitet.

Im Alltag unterstützt
Rund 80 Fachpersonen aus Berufen der Pflege, Pädagogik, Hotellerie und unterschiedlichen handwerklichen Berufen tragen mit Fachwissen und Begeisterung zum gelingenden Alltag bei.

Auch im Hinblick auf Corona sind ständige Anpassungen in Alltagsabläufen für eine weiterhin gesunde Belegschaft erforderlich. Denn bekanntlich zeigt sich in ausserordentlichen Situationen besonders gut, ob das Zusammenspiel funktioniert. Markus Brönnimann erzählt von einem unvergesslichen Nachmittag während des Lockdowns mit Ausgehverbot: «Unter Einhaltung der Sicherheitskonzepte wurde für die Bewohnenden ein Nachmittag mit Coiffeur, Maniküre, Fahrten mit Cabriolets und einem Festessen unter freiem Himmel organisiert. Schliesslich steht in unserem Wirken das Wohl der ganzen Gemeinschaft im Zentrum und somit lohnt sich zusätzlicher, gemeinsam erbrachter Kraftaufwand immer.»

Begegnungen in Aussicht
Mit Blick auf die Zukunft plant die Stiftung Uetendorfberg als Nächstes eine bauliche Entwicklung. Dazu ist nicht quantitatives Wachstum das Ziel. Vielmehr sollen die baulichen Massnahmen dringende Modernisierungen ermöglichen. «Zudem wollen wir uns weiterentwickeln und im Thuner Westamt einen attraktiven Begegnungsort für Menschen mit oder ohne Beeinträchtigung schaffen», verrät Markus Brönnimann. Auf die Finanzierung des Bauvorhabens ohne öffentliche Gelder angesprochen, bringt der Institutionsleiter wiederum das für die Stiftung charakteristische Miteinander ins Spiel: «Zusammen mit vielen Spenderinnen und Spendern werden wir diese grosse Herausforderung meistern.»
Barbara Marty / Markus Brönnimann

Am 16. Mai 2021 erscheint zum Jubiläum ein Magazin, welches auf 100 Seiten Einblick in die spannende Geschichte der Stiftung Uetendorfberg gibt. Es kann für 10 Franken in der Stiftung Uetendorfberg bezogen werden.

Stiftung Uetendorfberg
3661 Uetendorf, Telefon 033 346 03 03
IBAN CH34 0900 0000 3000 3974 0
www.stiftung-uetendorfberg.ch
www.alpenblick-uetendorf.ch

 

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