Thuns Wasserballerinnen schiessen sich hochüberlegen zum Meistertitel
16.07.2026 Sport-ReportagenIm letzten Jahr verpassten die Frauen des Wasserballklub Thun mit der Finalniederlage gegen den WSV Basel den Titelgewinn hauchdünn. Gegen den gleichen Gegner gelang nun in dieser Saison auf eindrückliche Art und Weise die Revanche. Mit 12:6 und 16:8 gingen die beiden Spiele der nach der Formel Best-of-Three ausgetragenen Finalserie an die Thunerinnen – Spiel 3 erübrigte sich.
Bereits in der regular season waren die Thunerinnen eine Klasse für sich. Elfmal verliessen sie das Bassin als Siegerinnen, allein der spätere Finalgegner WSV Basel vermochte den Oberländerinnen ein Unentschieden abzutrotzen. Mit 23 Punkten aus zwölf Spielen und einem Torverhältnis von 170:95 dominierten sie die Liga klar. Dies spiegelt sich auch in der Torschützenliste wider. Mit Alina Ullmann (57 Tore) stellt Thun die Torschützenkönigin, mit Lena Rohde (46) und Anouk Soder (38) belegen die Thunerinnen auch die Plätze 2 und 4 im Skorerklassement.
«Die Vielseitigkeit der Spielerinnen und die mentale Stärke waren entscheidend. Basel war in den letzten Jahren oft ein Gegner, gegen den es uns am Ende an der letzten Überzeugung gefehlt hat. Dieses Jahr hat man gespürt, dass jede Spielerin bereit ist, mehr als 100 Prozent zu geben und sich weder von äusseren Einflüssen noch von einem starken Gegner aus der Ruhe bringen zu lassen», sagte Coach Jochen Soder nach dem Titelgewinn.
Bei unserem Treffen im Thuner Strandbad, von den Spielerinnen liebevoll «Strämu» genannt, zeigt sich Thun in voller Schönheit. Strahlende Sonne, 31 Grad im Schatten zeigt das Thermometer an, das Wasser im Bassin ist 25, im See 24 Grad warm, logisch, dass ein dichtes Gedränge herrscht. Doch unsere Gesprächspartnerinnen bewegen sich für einmal nicht im Bassin. Die Wasserratten sitzen gemütlich im Beizli an einem Tisch und geniessen einen kalten Meisterkaffee. Neben Captain Michelle Dubach erweisen auch die 17-jährige Verteidigungskünstlerin Jana Stucki, die am Dreikönigstag 2007 zur Welt gekommene Anouk Soder und Lena Rohde, mit gerade mal 20 Jahren zählt sie bereits zu erfahrenen Spielerinnen, dem Thuner Amtsanzeiger durch ihre Anwesenheit die Ehre.
Ausgeglichenheit und Teamgeist
Zwar zählen die drei jungen Frauen zusammen mit Captain Michelle Dubach zu den Schlüsselspielerinnen des Meisterteams, doch Lena Rohde, eine echte Teamplayerin, erwähnt auch andere Gründe für den durchschlagenden Erfolg des Teams, denn Bescheidenheit ist eine der Qualitäten der Thunerinnen. «Wir sind sehr ausgeglichen besetzt und treten in jedem Spiel als geschlossene Einheit auf. Wir haben einen hervorragenden Teamgeist, auch das Mentaltraining hat uns nochmals einen Schritt weitergebracht. Das Vertrauen in das eigene Können ist gross.» Anouk Soder, die Tochter von Coach Jochen Soder und deshalb erblich belastet, nennt weitere Gründe für den durchschlagenden Erfolg des Teams. «Wir haben alle grosse Freude an unserem Sport, kennen uns seit langer Zeit und sind echte Freundinnen, die auch neben dem Wasserball einiges zusammen unternehmen. Mich fasziniert die Vielseitigkeit des Wasserballs, das Spiel ist so vielseitig. Schwimmen, Schiessen, Verteidigen, Kämpfen, all das macht Spass.»
Während es bei Anouk Soder logisch ist, dass sie sich für Wasserball entschieden hat, weil bereits ihre Eltern aktiv spielten und der Vater seit 20 Jahren in Thun als Trainer und Coach mit viel Herzblut dabei ist, verhält es sich bei Jana Stucki etwas anders. «Ich liebte bereits im Schulsport den Schwimmunterricht besonders und als eine Kollegin mich ermunterte, einmal mit ihr zum Wasserball-Training zu kommen, war ich so begeistert, dass ich nicht mehr davon losgekommen bin. Michelle Dubach musste mir zwar in einer meiner erste Übungsstunden zeigen, wie es ist, den Kopf unter Wasser zu halten, doch logischerweise ist dies mittlerweile kein Problem mehr. Michelle Dubach ist nicht «nur» Captain des Teams, sondern bildet auch seit vielen Jahren den Nachwuchs des Wasserballklubs aus. «Wir sind überzeugt, dass wir jedes Spiel gewinnen können, dieses Wissen macht uns zusätzlich stark. Sind alle Spielerinnen fit, sind wir nur schwer zu bezwingen», sagt sie, die mit ihren 28 Jahren das grosse Vorbild der jungen Spielerinnen ist. Sie liebt und lebt Wasserball.
Die Tücken einer Randsportart
Wasserball wird in der Schweiz zwar seit 100 Jahren gespielt, gilt aber nach wie vor als Randsportart. Mit rund 1500 Spielerinnen und Spielern ist die nationale Meisterschaft überschaubar. Auch auf internationalem Parkett gehört die Schweiz nicht zu den stärksten Ländern. Dies mussten die Schweizer Frauen, die sich im vergangenen Jahr erstmals nach 30-jähriger Absenz wieder für eine Europameisterschaftsendrunde qualifizierten, in Portugal schmerzhaft erfahren. Nach Niederlagen in den Gruppenspielen gab es im Spiel um Platz 13 gegen Rumänien mit 14:12 den einzigen Sieg. Im Team standen mit Goalie Leah Friedmann sowie Lena Rohde, Alina Morgenegg und Anouk Soder vier Thunerinnen. In diesem Jahr steht eine U20-EM auf dem Programm, die ebenfalls in Portugal ausgetragen wird. Anouk Soder und Jana Stucki vertreten den WK Thun. Und Lena Rohde? «Ich bin nicht dabei, ich bin zu alt», sagt die 20-Jährige mit einem Schmunzeln.
Dass die Meisterschaft in der schönsten Sommerzeit zu Ende geht, ist für den Nicht-Wasserballer schwer verständlich, denn erst im Oktober geht der Meisterschaftsbetrieb wieder los. Weil die Wassertemperatur mindestens 20 Grad betragen muss, können die heimstarken Thunerinnen dann nicht mehr im «Strämu» spielen, sondern müssen nach Oberhofen ausweichen und ihre Spiele indoor austragen. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass der Verband einmal über die Bücher ginge und prüfen würde, ob mit einer anderen Saisonplanung die Popularität nicht erhöht werden könnte. Beim zweiten Playoff-Final herrschte jedenfalls vor einer beachtlichen Zuschauerkulisse im Thuner Strandbad eine prächtige Stimmung. «Zuhause von den Fans stimmlich unterstützt zu werden, gab uns nochmals einen zusätzlichen Motivationsschub», sagt Michelle Dubach und verabschiedet sich. Sie geht nicht nach Hause, sondern ins Bassin, denn der Nachwuchs wartet bereits erwartungsfroh auf ihre Trainerin. Die künftigen Wasserball-Cracks werden langsam unruhig. Die Gratis-Wasserball-Lehrstunde ist für den Schreibenden zu Ende.
Pierre Benoit





