Wacker Thun sorgt für eine Überraschung
05.02.2026 Sport-ReportagenDie Handballer von Wacker Thun sind in der laufenden Saison erfolgreich unterwegs – erfolgreicher als noch vor einem Jahr. Vor der Weihnachtspause belegten die Thuner mit 19 Punkten aus 18 Spielen Platz 5. Dies ist umso bemerkenswerter, weil bei Wacker bedeutend kleinere Brötchen gebacken werden als in vielen anderen Klubs, die in der Quickline Handball League mit der grossen Kelle anrichten, obwohl sich die Zuschauerzahlen nach wie vor in bescheidenem Rahmen halten.
Just während sich die Nationalmannschaft an der EURO im hohen Norden beachtlich schlägt, wartete Wacker mit einer Medienmitteilung auf, die für viele überraschend kam.
«Oscar Carreño übernimmt ab der Saison 2026/27 die Position des Cheftrainers der ersten Mannschaft. Der bisherige Cheftrainer Remo Badertscher bleibt dem Verein als Assistenztrainer erhalten. Mit dieser Kombination aus frischem internationalem Elan und bewährter Thuner Erfahrung setzt Wacker Thun ein starkes Zeichen für Kontinuität und Innovation.»
Von Remo Badertscher, ein Wacker-Eigengewächs und erfolgreicher Coach und Trainer, der 1999 seine Trainerkarriere bei Wackers U15 startete und seit 2020/21 die erste Mannschaft als Headcoach führt, wollen wir wissen, wie es zu dieser überraschenden Lösung gekommen ist. Der Inhaber der höchsten Trainer-Ausbildung im Handball, der EHF-Master-Coach-Lizenz, die er gemeinsam mit Nationalcoach Andy Schmid in Deutschland erwarb, gibt wie immer offen und ehrlich Auskunft.
«Es war mein eigener Wunsch, etwas zu verändern. Anfang Oktober trat die Vereinsleitung mit der Frage an mich heran, ob ich bereit sei, das Amt des Cheftrainers weiterhin auszuüben. Aber ich fühlte innerlich, dass ich nicht mehr die gleiche Energie habe wie zu Beginn meiner Tätigkeit. Doch diese Energie muss unbedingt vorhanden sein, will man das Amt des Cheftrainers ausfüllen, deshalb trete ich lieber ins zweite Glied zurück.» Badertscher findet auch die Zeit für eine Änderung gekommen. «Wer will schon fünf Jahre lang die gleiche Stimme, die gleiche Ansprache hören?» stellt er die Frage in den Raum und beantwortet sie mit seinem Rücktritt gleich selbst.
Warum ausgerechnet Carreño?
Nicht allein Badertschers Rücktritt, sondern auch die Wahl seines Nachfolgers hat wohl kaum jemand erwartet. «Es war meine Idee, beim erst 24-jährigen Carreño anzuklopfen, denn ich bin überzeugt, dass er trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner Jugend eine gute Wahl ist. Bei GC hat er mit jungen Spielern vieles erreicht. Ich werde ihn unterstützen, bleibe dabei, auch weil dies der Wunsch einiger älterer Spieler war.»
Oscar Carreño ist jung und ambitioniert
Bei Wacker Thun ist man überzeugt, eine gute Wahl getroffen zu haben. Der offiziellen Mitteilung ist Folgendes zu entnehmen: «Der 24-jährige Spanier bringt neben seiner Leidenschaft für den Handball auch eine klare Vision mit, die hervorragend mit der Identität von Wacker Thun harmoniert. Als Grundlage für das Erreichen grosser Ziele setzt Carreño auf harte Arbeit und ein gut funktionierendes Team. In seiner Handballphilosophie legt er besonderen Wert auf eine kompakte, variable Abwehr sowie auf ein schnelles, dynamisches Umschaltspiel. Mit seiner akribischen Arbeitsweise bei Taktik und individueller Förderung passt Carreño ideal, um Wacker Thun den nächsten Entwicklungsschritt zu ermöglichen. Dies gilt auch für die Juniorenförderung, in welcher der neue Cheftrainer ebenfalls massgeblich mitwirken wird.»
Noch ist Badertscher der Chef
Gestern, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, gastierte Wacker bei GC, am Samstag steht das Heimspiel gegen Kadetten Schaffhausen (Lachenhalle, 18 Uhr) auf dem Programm. Für die Thuner geht es einerseits darum, den Tabellenplatz zu festigen, andererseits aber auch, um sich in der Tabelle weiter nach oben zu orientieren. Remo Badertscher änderte während der Nationalmannschaftpause im Trainingsbetrieb nicht viel, es könnte ein Vorteil sein, dass das ganze Kader inklusive Topmann Ante Gadža geschlossen weitertrainieren konnte. Ein Skiweekend, ein Turnier in Steffisburg und ein Test gegen Sélestat AHB aus Frankreich sorgten für Abwechslung. Badertscher war auch froh, dass sein Spielmacher und verlängerter Arm auf dem Feld, Ante Gadža, nicht für sein Heimatland Kroatien im Einsatz stand. Über den Mann aus der Hauptstadt Zagreb findet der Trainer nur lobende Worte. «Er bringt seine Ideen ein, führt die Mannschaft auf dem Feld, er ist der Chef, dem die anderen gehorchen, doch auch andere Spieler treten in dieser Saison mit starken Leistungen in den Vordergrund, beispielsweise Captain Yannick Schwab, Nino Gruber oder Goalie Marc Winkler.»
Wechsel unwahrscheinlich
Remo Badertscher, hauptberuflich Lehrer in Spiez, hat auf die Frage, ob er sich persönlich einen Wechsel vorstellen könnte, ein Lächeln auf den Wangen. «Was, wenn die finanzstarken Kadetten Schaffhausen, Pfadi Winterthur oder der BSV mit einem Traumangebot anklopfen», wollen wir wissen. «Momentan kann ich mir das nicht vorstellen. Es braucht Feuer, Leidenschaft und Konsequenz. Eher übernehme ich eine Nachwuchsmannschaft, als dass ich in einem Spitzenklub tätig bin.» Sagt’s und geht voller Energie die Treppe runter, denn schon bald beginnt das Training. Statt fünfmal wöchentlich wird Badertscher kommende Saison nur noch viermal bei den Trainings dabei sein, aber ganz sein lassen kann die Katze das Mausen nicht.
Pierre Benoit


