«Wir wollen jeden Tag besser werden»

  15.01.2026 Sport-Reportagen

Eine Sensation ist es schon lange nicht mehr. Aufsteiger FC Thun liegt in der Super League auf Platz 1. Der Vorsprung auf die Titel-Favoriten YB und FC Basel 1893 beträgt stolze elf respektive acht Punkte – die beiden Dominatoren der letzten 16 Jahre kränkeln. Am Sonntag startet das Team von Mauro Lustrinelli auswärts gegen die Grasshoppers in die Rückrunde, dann warten YB (in der Stockhorn Arena) und der FC Basel (auswärts) auf die Thuner. Der Rückrundenstart könnte also bereits einen Hinweis darauf geben, wie weit die Reise für den Liganeuling noch geht.

Die Art und Weise, wie die Thuner von Erfolg zu Erfolg eilen, ist beeindruckend. Vor Saisonbeginn herrschte bei den Experten landauf, landab Einigkeit. Winterthur, Thun und GC kämpfen um den Klassenerhalt, eine Platzierung unter den ersten Sechs, die für das Bestreiten der Meisterrunde berechtigt, traute den Berner Oberländern kaum jemand zu – ausser sie selbst. Trainer Mauro Lustrinelli hielt sich zwar schon vor dem ersten Meisterschaftsspiel wie immer in vornehmer Zurückhaltung, verhehlte indes nicht, dass er die Teilnahme an der Meisterrunde anstrebe.

Die verschworene Einheit
Zusammen mit Mittelfeld-Organisator, Freistoss- und Penalty-Spezialist Leonardo Bertone, bildet Captain Marco Bürki das Duo der Erfahrenen. Beide wissen aus ihrer Vergangenheit mit YB, wie man Meister wird, spätestens seit dem Aufstieg kann man sie auch als Routiniers in punkto Festivitäten bezeichnen. «Bei uns überwiegt ganz klar die Freude über das bisher Erreichte, den Druck spüren wir nicht. Bereits zu Beginn der Meisterschaft zeichnete sich ab, dass wir vor einer erfolgreichen Saison stehen werden. Innerhalb der Mannschaft und des ganzen Vereins herrschte eine grossartige Stimmung, die mit jedem Erfolg noch besser wurde. Dass wir jetzt Erster sind, ist speziell, doch in der Kabine wird nicht darüber gesprochen. Wir wollen an jedem Tag besser werden, das verlangt der Trainer nicht nur von uns, sondern auch von sich selbst. Unser Ziel ist es, Erster zu bleiben, jeder von uns, ob alt oder jung, will das, doch wir denken nicht zu weit», sagt Marco Bürki, der mit seinem Kopftor wesentlich zur grossartigen Wende im letzten Saisonspiel gegen den FC Zürich beitrug. Das erspielte Selbstvertrauen hilft auf dem Weg zum möglicherweise ersten Meistertitel in der 128-jährigen Vereinsgeschichte. «Wir dachten noch nach keinem Match, der Gegner sei für uns zu gut gewesen. Auch wenn wir verloren, waren wir immer ebenbürtig, wir trafen nie auf ein Team, das übermächtig war», sagt Bürki.

Ein langer Prozess
Der Thuner Captain klärt uns im Gespräch auch auf, «dass der derzeitige Erfolg das Ergebnis eines langen Prozesses ist. Seit Jahren haben wir daran gearbeitet, viele haben ihre Verdienste, dass wir so stark geworden sind, auch Spieler, die heute nicht mehr bei uns im Team stehen, wie beispielsweise Daniel Dos Santos und Nicola Sutter haben einen Anteil am Erfolg. Jetzt ernten wir die Früchte, werden belohnt für die jahrelange, seriöse Arbeit. Wir haben unser System, unsere Spielart intus, das harte Training zahlt sich aus, wir halten die Intensität in jedem Match hoch – der Teamgedanke wird gelebt», sagt Bürki und unterstreicht dies auch am Beispiel des im Verlauf der Vorrunde von YB zum FC Thun gestossenen Kastriot Imeri. «Er hatte eine schwierige Phase hinter sich, doch wir taten im Team alles, damit er sich bei uns vom ersten Tag an wohl fühlt, wir spürten, was er braucht und er seinerseits akzeptierte auch, dass er nicht vom ersten Spiel weg immer in der Startformation stand.»

Mauro – der schlaue Fuchs
Wer vom FC Thun spricht, denkt sogleich an die sportliche Führung, an Präsident Andres Gerber und Sportchef Dominik Albrecht, doch an erster Stelle genannt wird stets Cheftrainer Mauro Lustrinelli. Der ehemalige Nationalspieler und U21-Nationaltrainer ist ein schlauer Fuchs, in taktischer Hinsicht, aber auch, was die Führung einer Mannschaft betrifft. Bei ihm kennt jeder seine Aufgabe, er fordert von seinen Spielern sehr viel. Genügsamkeit ist ihm ein Fremdwort, auch an sich selbst stellt er hohe Ansprüche. «Wir werden immer bestens informiert, die taktischen Sitzungen sind intensiv, aber nicht zu lange, die Details werden gepflegt», sagt Marco Bürki.

«Wahri Liebi»
In grosser Schrift prangt dieser Leitspruch in der Stockhorn Arena von den Leuchttafeln. Ist Thun auch für Marco Bürki die «Wahri Liebi»? Der Abwehrorganisator lächelt und sagt nach einigem Nachdenken: «Ja, ich kann das auch von mir sagen». Und wie steht es um den Auslandtransfer, den Bürki dem Schreibenden noch während seiner YB-Zeit «gebeichtet» hat? «Ich war ja in der Zwischenzeit bereits in Belgien und fühle mich derzeit in Thun pudelwohl. Doch im Fussball kann alles sehr schnell gehen, man soll nie nie sagen.»

Und bald gegen YB
Obwohl er während einer Stunde das bessere Team war, hat der FC Thun die erste Direktbegegnung gegen YB im Wankdorf verloren, doch schon am übernächsten Wochenende bietet sich in heimischer Umgebung die Gelegenheit zur Revanche. «Für mich sind Partien gegen YB immer noch etwas ganz Spezielles, weil ich eine gute Zeit erlebt habe und immer noch viele Kontakte geblieben sind. Mit Christoph Spycher, einigen Spielern oder auch mit Kommunikationschef Albert Staudenmann bin ich immer noch regelmässig in Kontakt. Ich denke auch, dass YB mit Gerardo Seoane an der Seitenlinie in der Rückrunde nochmals stärker wird.» Also trotz elf Punkten ein ernsthafter Gegner im Titelkampf? «Wir werden sehen, es gibt noch andere Teams, die Meister werden wollen, dazu zähle ich auch Lugano, das in der zweiten Hälfte der Vorrunde deutlich stärker geworden ist.»

Pierre Benoit


Marco Bürki
Geboren am 10. Juli 1993 in Bern. Bis 2018 bei YB. 2015 – 2017 FC Thun (Leihe), 2018 – 2020 SV Zulte Waregem (Belgien), 2020/2021 FC Luzern, seit 2021 FC Thun, Captain. Meister mit YB 2018, Aufstieg in die Super League mit dem FC Thun 2025.

Sein drei Jahre älterer Bruder Roman ist als Goalie neunfacher Nationalspieler und heute in den USA für St. Louis City in der Major League Soccer aktiv, Vater Martin war ebenfalls Torhüter.


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