Wie ein Fels in der Brandung

Do., 29. Okt.. 2020

Als solchen kann man den Thuner Amtsanzeiger wirklich sehen, und stark verankert soll er auch in Zukunft bleiben. Darum sind viele bestrebt – auch der Gemeindeverband Thuner Amtsanzeiger. Ein Gespräch mit dem frischen Verbandspräsidenten Michel Weber.

Der Thuner Amtsanzeiger gehört der hiesigen
Bevölkerung. Also in einem gewissen Sinne auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser. Der Verwaltungskreis Thun umfasst 32 Gemeinden. Im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl verfügt jede Gemeinde über eine bestimmte Stimmanzahl an der Abgeordnetenversammlung des Gemeindeverbands Thuner Amtsanzeiger. Dieser wählt den Vorstand, welcher im Rahmen seiner Sitzungen die Konzession verwaltet, die Unterstützungsbeiträge vergibt und die Interessen des amtlichen Publikationsorgans gegenüber den Verbandsgemeinden und der Verlagsgemeinschaft vertritt.

Als Sprachrohr der Gemeinden erfüllt der Thuner Amtsanzeiger eine klassische Service-Public-Funktion. Seit mehr als 125 Jahren strotzt er sowohl Wirtschaftskrisen als auch zwei Weltkriegen und jetzt richtet er während Corona seine Segel mit Blick nach vorne neu aus. Dies, obschon durch die momentane Krise der Anzeigenmarkt massiv eingebrochen ist und daher der Amtsanzeiger derzeit an Umfang verloren hat. Doch sieht man allseits in der Gazette einen festen Wert – auch in Zukunft. Der neue Präsident des Gemeindeverbands Thuner Amtsanzeiger, Michel Weber, ist ein passionierter Segler auf dem Thunersee und nimmt sein Nebenamt begeistert wahr.

«Ich bin ein Thuner»
Michel Weber wuchs auf dem Strättlighügel im Gwatt bei Thun auf. Er absolvierte seine Schulzeit in Thun, danach besuchte er das Lehrerseminar in Spiez, später studierte er in Bern Geschichte, Deutsch und Französisch und wurde Sekundarlehrer. Nach seiner Lehrerzeit, welche er unter keinen Umständen missen möchte, übernahm er im 2006 die Schulleitung des Schulzentrums Längenstein in Spiez. Berufsbegleitend erwarb er den Master in Bildungsmanagement an der Pädagogischen Hochschule Bern. Mit seiner Ehefrau und zwei heranwachsenden Töchtern wohnt der 51-jährige Abteilungsleiter für Bildung und Kultur der Gemeinde Belp heute wiederum im Gwatt. Er fühlt sich mit der Stadt und der Region eng verbunden. «Ich bin ein Thuner und bin hier gut vernetzt», sagt er. Ob als ehemaliger Stadtrat, Ex-Präsi des FC Allmendingen, Ex-Vizepräsident der Volkshochschule Region Thun, Mitglied der Wahlkommission Thun oder Rotarier, Michel Weber engagiert sich gerne für die Öffentlichkeit und die Gesellschaft. Zudem ist er politisch interessiert und überzeugt: «Wir leben in so einer schönen Region – da lohnt es sich hinzuschauen und (s)einen Beitrag zu leisten.» Offensichtlich fiel sein Wirken positiv auf. So wurde er für das nebenamtliche Präsidium des Gemeindeverbandes Thuner Amtsanzeiger angefragt und sagte zu. Seit Mai 2020 bekleidet er dieses Amt, davor war er bereits ein Jahr im Vorstand und erhielt dabei einen überzeugenden Einblick in diesen altehrwürdigen Verband: «Ich habe fast jeden Tag etwas für den Verband zu tun – und ich mache dies gerne, weil ich es als ein sehr sinnstiftendes Amt erachte, das mich gefunden hat.»

Der Thuner Amtsanzeiger leistet viel
Der Thuner Amtsanzeiger erfüllt viele Funktionen: Zuoberst informiert er als Informationsorgan der Gemeinden die Bevölkerung, also die Bürgerinnen und Bürger, über wichtige, oftmals amtliche Angelegenheiten aus der Gemeinde, wie auch darüber, was örtlich passiert. So übernimmt er einen wichtigen Part für das gesellschaftspolitische Zusammenleben. Ein solches Sprachrohr fördert die Beziehung zwischen Bürgerinnen und Bürgern zu ihren Gemeinden in einem positiven Sinn und fördert Verbundenheit und Identifikation zu jenen.

«Der Anzeiger-Informationsfluss funktioniert nach dem „Bring-Prinzip“, das heisst: die Informationen werden jedem Haushalt zugestellt und gelten, sobald physisch verteilt, als übermittelt», führt Michel Weber das Prinzip aus. Daneben wirken selbstredend die Tageszeitungen, doch diese sind zumeist privat und funktionieren nach dem „Hol-Prinzip“ – sie werden geholt, also gekauft oder abonniert.

Es liegt auf der Hand: Die Gemeinden profitieren vom Anzeiger und er gehört, wie eingangs erwähnt, den Gemeinden. Zu den jährlichen Einnahmen sagt Michel Weber: «Wir erwirtschaften momentan gemäss Konzessionsvertrag 850 000 Franken aus Werbeeinnahmen und haben eine Gewinnbeteiligung von 20 Prozent auf den Jahresabschlüssen unseres Vertragspartners, der Thuner Verlagsgemeinschaft Vetter und Schaer.» Dabei ist das Vorstandsgeld stets zweckgebunden. Das heisst: Es fliesst zielorientiert in die Kassen der Verbandsgemeinden.

«Mit dem Betrag, der übrig bleibt, unterstützen wir soziale, sportliche, kulturelle, jugendfördernde und institutionelle Organisationen, die per Gesuch danach fragen», gibt der Verbandspräsident bekannt. Dazu macht er eine erste Sondierung der eingegangenen Gesuche, welche danach im Vorstand besprochen und verabschiedet werden. Jährlich gehen so an die 120 Gesuche beim Gemeindeverband Thuner Amtsanzeiger ein. So entstehen eine Form des Sponsorings und kulturell-soziale Unterstützung für Einzelpersonen und Institutionen.
Zwischen der Verlagsgemeinschaft als Herausgeberin und dem Vorstand herrscht ein sehr partnerschaftliches Verhältnis. Dazu Michel Weber: «Wir wollen, dass es für beide gewinnbringend ist! Triebfeder ist der gute Zweck dahinter, also diese Gelder sinnvoll zu verteilen.»

„Last but not least“ bietet der Anzeiger dem Gewerbe eine attraktive Präsentationsmöglichkeit. «Wobei wir beim wirtschaftlichsten Aspekt der Gazette angelangt sind
– dahinter stecken ja immer auch Arbeitsplätze», bringt es Michel Weber auf den Punkt. Der Amtsanzeiger stärkt also auch den Wirtschaftsstandort Thun und Umgebung. Zudem können Organisationen und Vereine auf sich aufmerksam machen, wie etwa die Thuner Kadetten, das Oktoberfest oder die Fasnacht.

Das Beste herausholen
Michel Weber ist sehr begeisterungsfähig und das ist ansteckend. Über sich sagt er lachend: «Ich bin nicht wirklich blauäugig, und sehe daher die Realität, wie sie ist.» So will er stets das Beste aus der Situation herausholen. Das ist auch seine Lebenseinstellung. Mit dem Anzeiger möchte er den Leuten ein Gesicht geben, die gute Gesellschaft und das Zusammenleben fördern. Denn die regionale Identifikation mit dem Anzeiger sei noch voll da. Hingegen nimmt er wahr: «Unsere Tagespresse berichtet immer weniger regional. Das ist für uns eine Chance. Wenngleich wir die Tageszeitungen überhaupt nicht konkurrieren wollen und dies auch nicht könnten.»

Chancen für die Zukunft
Als mittel- wie auch längerfristige Vision nennt Michel Weber: «Die Herausgabe des Thuner Amtsanzeigers soll bestehen bleiben, sodass er seine wichtigen Aufgaben weiterhin übernehmen kann.» Zudem will man die Attraktivität steigern und so zukunftsfähig sein. Zusammengefasst lauten die Eckpfeiler des Anzeigers: amtliche Publikationen und Gemeinde-Informationen an die Bevölkerung sicherzustellen, sowie Werbeeinnahmen und Lesewert zu generieren. Letzteres will man mit den neu eingeführten Reportagen im informativen Porträt-Stil fördern. Jedoch darf der Anzeiger gemäss Gemeindegesetz nicht meinungsbildend sein!

Wie steht es in Sachen Digitalisierung? Da antwortet Weber: «Wir verschliessen uns der Digitalisierung nicht, doch wenn die Infos rein digital würden, wäre dies nicht mehr Service Public und wir hätten einen Qualitätsverlust.» Zwar gibt es den Thuner Amtsanzeiger auch als App. Dass es in 50 Jahren die Printausgabe noch geben wird, würde Weber trotzdem heute nicht unterschreiben. Denn eine Gesellschaft verändere sich ja immer. Michel Weber will mit dem Wandel sorgfältig und vorausschauend umgehen. Ihm ist klar: «Solange wir Geld generieren können, muss die Herausgabe des Anzeigers auch rentabel sein! Wenn das nicht mehr der Fall ist, dann wird die Printausgabe verschwinden. Jedoch sind wir momentan noch sehr lohnend.»
Reportagen wie diese sollen den Titel attraktiver machen! Das Blatt wird häufig mehrmals und zu verschiedenen Zeiten durchgeblättert. «Der Anzeiger liegt bei uns zum Beispiel auf dem Küchentisch und man „schnöiget“ ihn gerne durch. Er fördert auch das Lesen», lacht der ehemalige Lehrer.

Für ihn spielen in seiner Aufgabe als Präsident in Zukunft das Lobbying und das Vernetzen eine zentrale Rolle. «Gemeinsam mit dem Verlagsleiter Michael Seiler werde ich absehbar alle Gemeinden in ihren Gemeindeversammlungen besuchen und so den Austausch aktivieren und fördern.» Zudem werden wir alle Grossräte aus dem Verwaltungskreis im Mai 2021 an die Abgeordnetenversammlung einladen. So will man den Anzeiger in der Politik etablieren. Michel Weber ist überzeugt: «Wir müssen uns in Zukunft mehr zeigen und präsentieren.» Gemeinsam mit dem Vorstand wird er dazu entsprechende Strategien erarbeiten. Es scheint, als ob in Stein gemeisselt: Michel Weber will den Fels in der Brandung – den Thuner Amtsanzeiger – in Zukunft noch mehr stärken und wird dazu garantiert die Funken seiner Begeisterung überspringen lassen.
Barbara Marty

Den Thuner Amtsanzeiger gibt es auch als App auf www.thuneramtsanzeiger.ch