Viel Aussenraum zum Flanieren

Mi., 18. März. 2020

Der Architekt Johannes Saurer hat eine starke Vorstellung davon, was eine Stadt lebenswert macht. Im Gespräch mit ihm sind wir seiner Vision auf den Grund gegangen.

Johannes Saurer’s Lieblingsstadt ist Havanna. Und das nicht bloss wegen ihren imposanten Kolonialbauten. Er mag die Stadt am karibischen Meer, weil sie ihren Menschen viel Aussenraum frei lässt, und die Autos dort oft nur Schritttempo fahren. Als Architekt baut er für den Menschen und studiert diesen genau. So weiss er: «Unsere durchschnittliche Schrittgeschwindigkeit beträgt fünf km/h». Mit diesem Tempo sind die menschlichen Sinne optimal aufnahmebereit, und können eine Umgebung ohne Überforderung wahrnehmen. Wenn es nach ihm ginge, sollte man Städte basierend auf diesem Grundsatz aufbauen. Darin sieht er aber auch schon vielerorts die Problematik: «Die meisten Städte sind einfach zu schnell für uns.» Denn weder haben sich das Schritttempo noch die Sinneswahrnehmung der Menschen gegenüber früher verändert.

Seit 30 Jahren ist Johannes Saurer als Architekt in Thun und Umgebung tätig. Seine Baustellen besucht er mit dem Velo oder mit dem ÖV. Das sei bequem, stets möglich und viel entspannter. Für ihn gelten die Thuner Altstadt und das Bälliz als optimale Stadtzonen – mit Aussenraum, statt Strasse, was für viel Raumqualität sorgt. Er meint: «Autos werden heute immer und überall als wichtig angeschaut.» Doch mache der brausende Verkehr keine Stadt lebenswert oder angenehm. «Zum Beispiel vor 100 Jahren, da waren die städtischen Aussenräume viel belebter. Man konnte noch richtig flanieren.» Ihm nach sollte der Stadtverkehr nach wie vor zirkulieren, doch nur mit Schritttempo.

Rolle als Stadtschützer
Die Realität sieht in vielen Städten häufig nicht annähernd so aus wie in Thun. Wobei die Entwicklung bekanntlich stetig weitergeht, und das Verkehrsaufkommen unaufhaltsam noch ansteigen wird. Johannes Saurer sagt, gelassen lächelnd: «Ich fühle mich auch als Stadtschützer.» Seit 2008 ist er Präsident des Architekturforums Thun. Der Verein will, dass Thun eine lebenswerte Stadt ist, bleibt und vermehrt noch wird. Dazu ist auch eine durchmischte Wohnform für Jung und Alt wichtig. Sowie: Häuser, deren Gesichter zur Strasse hin blicken. «Denn», so der Architekt weiter: «in einem städtischen Gefüge ist es essenziell, dass man sich auf den Aussenraum hin ausrichtet und im Erdgeschoss der Stadthäuser etwa eine öffentliche Nutzung vorfindet.» Johannes Saurer bringt es mit einem Vergleich auf den Punk: «Eine Stadt ist wie eine Mannschaft, wo neue Gebäude sich ins Ortsbild einfügen und keine Solitäre bilden sollten.»

 

 

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